Montag, 28. Dezember 2015

Kurzgeschichte: Mond und Alltag

Hallo liebe Lesedetektive,

ich hoffe, ihr hattet ein wunderschönes Weihnachtsfest mit euren Liebsten und wünsche euch gleich einen guten Rutsch. Ich hoffe, ich werde noch in diesem Jahr etwas hochladen können, doch da muss ich mich noch einmal ernsthaft mit der Internetverbindung unterhalten :)

Und bis dahin habe ich eine weitere Kurzgeschichte für euch. Ich hoffe, sie gefällt euch und freue mich auf euer Feedback!

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Mond und Alltag

Fliegen. Er hatte es schon immer geliebt. Früher war er jeden Nachmittag geflogen; ganze Wolkenschlösser hatte er erobert, furchterregende Drachen erschlagen und schöne Prinzessinnen befreit. Viele Auszeichnungen hatte er bekommen für seine Tapferkeit und seine Heldentaten! Jetzt flog er nicht mehr, es war ihm nicht gestattet. Die Mutter zog ihn dann immer wieder herunter. „Alltag ruft“, sagte sie dann immer. Aber er verstand das nicht. Wer war Alltag? Und warum hörte er ihn nicht rufen? Schließlich rief ihn doch seine Mutter wieder herunter. War dann die Mutter Alltag, eine Person in seinem Leben, die den ganzen Tag, also alltäglich, da war? Doch auch in der Schule zogen ihn die Lehrer immer wieder auf den Erdboden und ermahnten ihn, er dürfe nicht fliegen. Auch das geschah jeden Tag. Wie viele Alltage gab es denn nun, fragte er sich? Doch niemand beantwortete ihm seine Fragen. Die Großen Menschen sagten immer nur, er würde es eines Tages verstehen. Aber was nützte es ihm, es eines Tages zu verstehen, wenn er doch jetzt fliegen wollte?
Ein ums andere Mal wurde er wieder heruntergezogen, ob nun von einem oder mehreren Alltagen. Doch in der Nacht hatte er einen Freund. Jemand, der nach ihm rief und die Rufe von Alltag überdeckte. Jemand, der ihn aus der klammernden Umarmung von Alltag befreite und lockend seine Arme nach ihm ausstreckte, als hätte er die Möglichkeit zu entscheiden, ob er mitgehen oder den Alltagen gehorchen und bleiben solle. Zuverlässig stand Mond jeden Abend vor seinem Fenster und schaute zu ihm herein. Mond war kein Alltag, das hatte er schon immer gewusst. Alltag zerrte an ihm, wollte ihn an den Boden kleben. Alltag war schlecht. Mond ermutigte ihn, die Arme auszustrecken und zu fliegen. Mond war gut.
Auch an diesem Abend stand Mond an seinem Fenster und schaute zu ihm herein. Er streckte seine langen, kalten Arme nach ihm aus und lockte ihn mit Wolkenschlössern, furchterregenden Drachen und schönen Prinzessinnen, die nur darauf warteten, von ihm befreit zu werden. Doch er schüttelte den Kopf wie so oft in letzter Zeit und legte sich auf seine Arme, dass sie sich nicht verselbstständigten. Die Mutter würde es nicht erlauben und er wollte sie nicht unglücklich machen. Er könnte es nicht ertragen, ihr enttäuschtes, trauriges Gesicht zu sehen. „Aber du müsstest sie nicht sehen“, wisperte Mond, „komm mit mir und du würdest gar nicht merken wie sie um dich trauert. Ich pflanze dir eine riesige Hecke um dein Schloss und dann kann niemand herein- oder hinausschauen.“ Das hielt er für eine gute Idee und streckte seine kleinen Arme aus. Behutsam schlang Mond seine kalten Arme um ihn und zog ihn aus seinem Bett.
In der kühlen Nachtluft dann spreizte er seine Arme aus und der Wind trug ihn. Höher und höher ging es und ihm war, als sei nicht eine Minute vergangen seit seinem letzten Flug. Er atmete tief ein und aus und hörte Alltag brüllen vor Wut, als seine letzten Fesseln von ihm rissen.
Er erlebte viele Abenteuer und Mond zeigte ihm die prächtigsten Wolkenschlösser, bewacht von den furchterregendsten Drachen. Viele Auszeichnungen bekam er für seine Tapferkeit und seine Heldentaten! Die Mutter, so erzählte ihm Mond, habe sein Fehlen gar nicht bemerkt und sei demnach gar nicht enttäuscht von ihm. Das freute ihn sehr und reinen Gewissens eroberte er weiterhin Wolkenschlösser und erschlug schreckliche Drachen.
Doch eines Tages, als er mit einem besonders schrecklichen Drachen kämpfte, rutschte er unglücklich aus und fiel auf sein Knie, das sofort zu bluten anfing. Er weinte bitterlich und rief nach der Mutter. Doch die konnte ihn natürlich nicht hören, denn der Drache hatte ihn in das oberste Turmzimmer gelockt. Er rief nach Mond, doch seine Zeit war noch nicht gekommen. Er stand erst am Anfang seines Himmelsweges. Die Sonne aber, die Freundin von Mond, hörte sein Wehklagen und tötete sogleich den schrecklichen Drachen. Vorsichtig trug sie ihn auf ihren warmen, schützenden Armen zurück in sein Schlosszimmer, das von dichten, dornigen Ranken umgeben war. Doch die Sonne verschwand sogleich, ihre Zeit war bereits um.
Und was nun mit dem blutigen Knie? Er wusste, dass die Mutter immer ein Pflaster darauf klebte, wenn er es sich beim Spielen aufgeschlagen hatte, aber er selbst wusste nicht, wie er das anstellen sollte. Er vermisste die Mutter, er brauchte sie! Da wehte wie von Zauberhand eine Ranke beiseite und gab einen Blick auf die Mutter frei. Neugierig trat er näher heran und erschrak: Einsam saß sie zusammengekauert an seinem alten Bett, als laste Schweres auf ihr. Eine einzige Träne rollte ihre Wange hinunter und fiel auf sein Bett. Das hatte er ihr angetan, dachte er und schauderte. Mit einem Ruck zog er die ganze Ranke von seinem Fenster, sprang heraus und flog schnell zu der Mutter. Sie nahm ihn auf ihren Schoß und er kuschelte sich an ihre Brust. Vorsichtig strich sie ihm über den Kopf und klebte ihm noch ein Pflaster auf das aufgeschrammte Knie.


Behutsam schlang Alltag seine Fesseln um ihn und legte ihn in sein Bett. Er schloss die Augen und hörte Mond brüllen vor Wut, als seine kalten, langen Arme ihn nicht mehr erreichen konnten. Fliegen. Er hatte es schon immer geliebt.

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Montag, 14. Dezember 2015

Rezension/Analyse: Peter Pan von James M. Barrie

Hallo liebe Lesedetektive,

was gibt es Schöneres als einen klassischen, alten Disney-Film in der Weihnachtszeit? Ich habe mich für Peter Pan entschieden und musste natürlich auch den Roman lesen...


Lesedetektiv-Peter Pan

Originaltitel: Peter Pan

Verlag: Suhrkamp/Insel Verlag
Seitenzahl: 213
Erscheinung: 1911 (Erstveröffentlichung), 2015 (Ausgabe)

Thalia








Inhalt

Peter Pan, die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden wollte – ursprünglich für Erwachsene geschrieben – ist heute einer der großen Klassiker der Kinderbuchliteratur. Generationen von Lesern haben begeistert die Abenteuer des fliegenden Jungen verfolgt, der Wendy und ihre Brüder mit nach Nimmerland nimmt, wo sie gemeinsam gegen den bösen Kapitän Hook kämpfen.

Meine Meinung (oder vielmehr meine Analyse)

Das Cover ist wunderschön gelungen und lädt verführerisch zum Träumen in einem kuscheligen Bett mit einer heißen Schokolade ein. Genau das Richtige also zum Inhalt :)

Die Handlung selbst weicht stark vom eigentlichen Disney-Film ab. Man merkt deutlich, dass der eigentliche Roman für Erwachsene geschrieben wurde, während der Film insgesamt alles sehr abrundet und für die jüngeren Fans verharmlost.

Das liegt daran, dass zentrale Motive in "Peter Pan" natürlich einmal Kindheit, aber auch und vor allem der Tod sind. Diese beiden Motive stehen oft in direkter Verbindung, aber teilweise auch in einem extremem Kontrast zueinander, der regelrecht makaber daherkommt. Ironisch ist der Roman jedoch nicht, er beinhaltet gerade durch diese beiden Motive eher eine dramatische Note.
Meine Beschreibungen mögen seltsam klingen, aber insgesamt geht es in dem Roman wohl um Kindheit und Erwachsen-Sein bzw. Erwachsen-Werden. Zusammenfassen lässt sich das Ganze also zu Leben und damit unweigerlich dem Tod. Peter Pan - als Personifikation des Lebens, aber in Form der ewigen Kindheit - ist demnach immer automatisch mit dem Tod zu verbinden.

Die Darstellung Peter Pans selbst sorgt bei mir persönlich für einige Verwirrungen. Durch seine Funktion, das Leben darzustellen, könnte er teilweise gut und gerne ein Erwachsener sein, der ein durchschnittliches Leben führt. Auf der anderen Seite aber wird deutlich, dass er dieses Leben nur spielt, womit er ganz einfach ein Kind ist. Verwirrend diese Darstellung, aber sehr interessant und fesselnd für den Leser!

Ich könnte mich Stunden über dieses wunderbare Buch auslassen, aber ich beschränke mich auf einen weiteren Aspekt, der von Barrie angesprochen wird (sonst wird das hier noch eine richtige Analyse...). Dabei handelt es sich um die Mutterrolle in der Gesellschaft der Kinder. So beschreibt Barrie im ersten Kapitel auf mehreren Seiten die Mutter der drei Hauptpersonen, geht dabei auf Unwichtiges ein und beschreibt das Verhältnis der Eltern. Im Verlaufe des Buch fokussiert er immer mehr Wendy und ihr Verhältnis zu Peter. Diese Beschreibungen stehen immer im Zusammenhang mit "Mutter" und der Mutterrolle im Allgemeinen.
Diese Parallelen zwischen den Eltern und Peter und Wendy beinhalten gleichzeitig wieder das Motiv von Erwachsenendasein vs. Kindheit, in beiden Fällen aber wird die Mutter als fast schon etwas "Heiliges" angesehen. Eine sehr ungewöhnliche Mischung; eine These, die alle Motive vereint, habe ich allerdings noch nicht gefunden.

Insgesamt wird in dem Erwachsenen-Roman (definitiv nicht für jüngere Kinder meiner Meinung nach!) das Motiv des Erwachsen-Seins dem der Kindheit gegenübergestellt. Die Hauptakteure aber sind allesamt Kinder, auch die Handlung insgesamt ist sehr auf die Spielwelt eines Kindes ausgerichtet. Dieses Zusammenspiel wirkt sehr abstrakt auf den Leser. Verbunden wird alles durch das Motiv der Mutterrolle, wodurch alles wiederum zusätzlich kindlich-unschuldig wirkt. Der wiederholte, bloß nebenbei erwähnte Tod gibt dem Ganzen zusätzlichen einen sehr krassen Kontrast.

Fazit (oder vielmehr meine Meinung)

Zusammengefasst ist meine Rezension viel zu analytisch geworden als mir lieb ist :)
Aber was ich eigentlich mit all den Motiven und Vergleichen sagen möchte: "Peter Pan" hat mich förmlich von den Socken gehauen. Die vielen Vergleiche und Kontraste sind ein vollkommen neues Leseerlebnis, die Charaktere erinnern allesamt irgendwie an einen selbst und so viele Sätze sind wahr. Es ist wie eine Tür, die einen kurzen Rückblick in ganz frühe Kindheit wieder gewährt. 
Dazu noch: Egal, ob ihr den Disney-Film schon gesehen habt, die literarische Vorlage ist etwas ganz anderes! Lesen lohnt sich!!

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5 von 5 Sterne