Mittwoch, 28. September 2016

Rezension: Kältere Schichten der Luft von Antje Ravic Strubel


Hallo liebe Lesedetektive,

der Herbst ist nun zur Tür reingekommen und es wird kälter, grauer und kälter. Passend dazu habe ich euch ein Buch mitgebracht, das mit genau solchen Themen spielt.


Viel Spaß beim Schmökern :)



Seitenzahl: 192
Verlag: Fischer Taschenbuch
Erscheinung: 2007

















Handlung

Ein Kanu-Camp in Schweden. Hier arbeiten Aussteiger, Abenteuersuchende, Arbeitslose und Naturfreaks. Für einige Sommerwochen retten sie sich in eine kulturferne Landschaft. Auch Anja hat sich aus ihrem deutschen Kleinstadtalltag geflüchtet. Sie sucht Ruhe, doch sie wird überrascht von einer Leidenschaft: Eines Tages steht eine fremde junge Frau am See und legt Anja die Arme um den Hals und entführt sie in ein unbewohntes Haus. Sie gibt ihr den Namen ihres verlorenen Geliebten, des Schiffsjungen Schmoll. Doch der Zauber, die nachgeholte Unschuld dieser ersten Liebe, wird bald vergiftet durch den Argwohn und die Übergriffe der Campbewohner. Angst und Verstörung bedrohen nicht nur die Phantasien, sondern auch die Realität der beiden Frauen. Aus Aggression wird schließlich tödliche Gewalt. (Fischer Verlag)

Meine Meinung


Nach dieser Inhaltsangabe, die ich hier ganz bewusst nun übernommen habe, hatte ich mich auf eine Liebesgeschichte gefreut, die gesellschaftliche (In-)toleranz behandelt und daher durchaus aktuellen Bezug nimmt. Nun sei aber allen, denen es ebenso geht wie mir, gesagt: dies ist keine Gesellschaftsanalyse, Kritik an irgendetwas, noch bezieht dieser Roman in irgendeiner Weise Stellung zu gar nichts oder irgendetwas. Er ist schlichtweg verstörend in einer absolut fantastischen Art und Weise. Also schon mal ganz zu Anfang: alle, die das Kafkaeske lieben, werden "Kältere Schichten der Luft" sehr genießen. 

Worauf ich also in meiner Rezension besonders eingehen werde, ist - Überraschung, Überraschung - die Abstrusität und Verwirrung, mit der Strubel spielt. Zunächst einmal ist dieser Effekt besonders auf den Schreibstil zurückzuführen. Ich persönlich hatte anfangs meine Probleme, mit der Kargheit und Knappheit der parataktischen Sätze klarzukommen. Schließlich hatte ich eine blumige Liebesgeschichte erwartet. Doch nach ein paar Seiten wollte ich gar keinen anderen Stil mehr. Denn die Kargheit der Sprache spiegelt exakt auch die Kargheit des Settings, dieses Naturcamps irgendwo in Schweden, hervorragend wider. Die gesamten 192 Seiten fahren dem Leser nicht unbedingt Schauer über den Rücken, vielmehr hält sich die Düsternis der Atmosphäre die ganze Zeit über auf einem Level. Es gibt keine Steigerung, obwohl sich die Handlung durchaus zuspitzt; ebenso wird sie nicht positiver. Die gesamten 192 Seiten sitzen die Kälte, die Nässe, die Gleichgültigkeit und endlose Monotonie dem Leser im Knochenmark. Die kurzen Sätze verraten stets genausoviel, wie nötig zu dieser Qual ist, und niemals mehr, um den Leser aus der Endlosigkeit zu erlösen. Es ist eine süße Tortur.

Ebenso karg wie die Worte sind resultativ auch die Charaktere. Strubel beschreibt sie eben so viel wie nötig, den Rest überlässt sie dem Leser. Dennoch ist dem Leser gar nicht so viel Spielraum gelassen, da grundsätzlich alles, Handlung, Charaktere, Hintergrund etc., so schwammig ist. Der Leser hat ganz einfach keinerlei Anhaltspunkte, was zu jedem Charakter, einschließlich der Protagonistin eine gewisse Distanz aufbaut. Diese Distanz aber wiederum harmonisiert wunderbar mit der unangenehmen Atmosphäre. So wirkt jeder Charakter mindestens unheimlich bis hin zu gruselig und psychotisch. 

Zuletzt aber spielt der "Plot" die wichtigste Rolle in puncto Verwirrung. Denn unbedingt viel mehr als in der Inhaltsangabe geschrieben ist, passiert tatsächlich nicht. Es gibt wenige Dialoge, einige Wechsel im Setting und durchaus passiert schon mal etwas, das auf eine Handlung, wie es im ursprünglichen Sinne gemeint ist, zurückzuführen ist. Was aber am verstörendsten noch ist, ist die Tatsache, dass sich durchaus ein roter Faden spüren lässt. Der Punkt ist der, dass er sich nur spüren, aber nicht fassen lässt. Nachdem ich mit dem Buch fertig war, habe ich lange überlegt, ob ich das Buch wörtlich oder metaphorisch sehen sollte. Ersteres habe ich schnell ausgeschlossen, da es ganz einfach keinen Sinn machte. Beim Versuch, eine Deutung vorzunehmen, stieß ich allerdings ebenfalls schnell an meine Grenzen. Ähnlich wie bei Kafka hatte ich viele Theorien und Ansätze, jedoch konnte jede einzelne an irgendeinem Punkt widerlegt werden. Und auch jetzt noch weiß ich nicht wirklich, was ich für mich aus dieser Leseerfahrung ziehen sollte. Vermutlich war es einfach eine Reise in die Teile des Gehirns, die außerhalb von Rationalität und Normalität liegen. Ich habe es genossen.

Fazit

"Kältere Schichten der Luft" ist eine Liebesgeschichte der ganz besonderen Art. Im Grunde ist das Thema der homosexuellen Beziehung hochaktuell, jedoch bezieht der Roman keinerlei Stellung. Genau genommen setzt er sich mit dieser Thematik selbst gar nicht auseinander. Einsamkeit, Vergangenheit, Zukunft und Hass stehen im Vordergrund. Die quälende Atmosphäre, unheimliche Charaktere und der nicht zu fassende rote Faden werden durch den kargen Schreibstil gestärkt. Insgesamt lässt sich der Roman ganz einfach als äußerst verstörend beschreiben und ist daher nichts für leichte Gemüter. Wer sich darauf aber gerne einlässt, wird eine großartige Leseerfahrung machen und Teile seines Selbst finden, die nichts mehr mit der Rationalität des Alltags gemein haben. So gesehen könnte es eine Anti-Alltags-Kur sein :)


& & & & &
4 von 5 Sternen

Liebe Grüße und einen schönen Herbstanfang!

Euer Buchdetektiv

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen